Lecture on Nothing

„Er redet 40 Minuten am Stück und hat dabei nichts zu sagen“ ist kein zynischer Kommentar unter dem Video eines x-beliebigen Youtubers, sondern die Selbsteinschätzung von John Cage in seiner „Lecture on Nothing“.

Stille und Nichts

Nichts könnte in unser reizüberfluteten Welt heilsamer sein als Nichts. Stille. Doch um diese wahrnehmen zu können, braucht es als Rahmen Worte. Worte, mit denen John Cage individuelle Antworten auf Fragen eines Komponisten Ende der 1950er Jahre gibt.

Leere Worte

Worte, vorgetragen von den Musiker*innen von electronic ID und von Passanten am Rheinufer, denen ChatGPT in zufälliger Reihenfolge die kleinen Abschnitte aus Cages „mikro-makrokosmischer rhythmischer Struktur“ zugeordnet hat. Worte, die sich im Kreis drehen, die ihre eigene Aussage unterwandern und auf diese Weise zu Nichts führen.

Nothing in Social Media

John Cages Lecture on Nothing entstand in einer Zeit ohne Internet und Social Media. Dennoch liest sie sich erstaunlich kritisch mit Blick auf moderne Medien. Wir laden dazu ein, die für Instagram aufbereitete Inszenierung anzusehen:

This is a concert

THIS IS A CONCERT behauptet ein Konzert zu sein und balanciert halsbrecherisch über den Abgrund zwischen zeitgenössischer Solokomposition und personalisiertem, interaktivem Musikinterpretations-Service. 

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Interaktive Webinstallation

Jederzeit und überall auf dem höchsteigenen Smartphone verfügbar zeichnet sich diese Konzerterfahrung durch das aus, was letztlich unverfügbar bleibt. Auf Basis einer Komposition von Tom Belkind wurde die Experience im Rahmen der eID-Plattform von Anna Neubert und Richard Aczel entwickelt und von Cylvester (Tobias Hartmann und Max Schweder) umgesetzt.

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Anna Neubert

Als Geigerin, Master of Desaster von ensemble uBu oder Komplizin anderer Künstler*innen spielt, inszeniert und infiltriert Anna Neubert Konzertsettings, bisher zu erleben u.a. bei den Schwetzinger Festspielen, AchtBrücken Festival, Bundeskunsthalle und Beethovenhaus Bonn, Villa Massimo Rom, auch in Kulturbunkern und Kitas.

Sie führte Regie bei zahlreichen Konzertprojekten, wie z.B. für die Reihe INTERVALL der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen (WEBERN_BEWEGT 2019).
Seit 2020 forscht sie im Rahmen der „Weaving Concerts“ mit der Textilkünstlerin Nicole Kiersz zu den Schnittstellen zwischen Musik und Webkunst.

Weiterhin ist sie als Geigerin und Performerin in Konzerten von electronicID, in Produktionen der Jungen Oper am Rhein, im Duo mit dem Gitarristen Leonhard Spies und gemeinsam mit der Sopranistin Marie Heeschen in einer szenischen Fassung von G. Kurtágs Kafka-Fragmenten zu erleben.
Anna Neubert studierte Violine und Zeitgenössische Musik in Köln und Paris, Auszeichnungen und Förderung erhielt sie u.a. beim Internationalen Alois Kottmann Wettbewerb, durch die Konzertförderung Yehudi Menuhin Live Music Now, den Boris Pergamenschikow-Preis, die Alfred Toepfer Stiftung und das stART.up-Stipendium der Claussen-Simon Stiftung.

Tom Belkind

Tom Belkind ist ein israelisch-österreichischer Komponist, Musikproduzent und Tontechniker mit Sitz in Köln, Deutschland. Er wurde 1990 in Tel Aviv, Israel, geboren. Sein Kompositionsstil versucht, seine Ursprünge in der Pop- und Musikproduktion mit abstrakten Ausdrucksmitteln zu verbinden, indem er die materialistischen und physischen Elemente der Klangerzeugung nutzt und verschiedene Klänge überlagert, um unterschiedliche Intensitätsebenen und Klangenergien zu erzeugen.

Im Jahr 2016 begann Belkind ein Bachelor-Studium in Komposition an der Buchmann Mehta School of Music (TLV University) bei den Komponisten Josef Bardanashvili und Ruben Seroussi. Im Jahr 2020 begann Belkind sein Master-Studium an der Hochschule für Musik und Tanz Köln bei dem Komponisten Miroslav Srnka. Heute ist Belkind „Konzertexamen“-Student an der Hochschule für Musik und Tanz Köln. Im Jahr 2021 gewann er das Bernd Alois Zimmermann-Stipendium für Neue Musik der Stadt Köln, in dessen Rahmen ein Porträtkonzert mit seiner Musik in der Kirche St. Peter in Köln stattfand. Im Jahr 2022 gewann er das DAAD-Stipendium für ein Musik-Graduiertenstudium. Außerdem erhielt er Stipendien des Jerusalemer Instituts für neue Musik und der Universität Tel-Aviv.

Stücke von ihm wurden in Israel und Deutschland von Orchestern und Ensembles wie dem Ensemble Recherche (Freiburg, Deutschland), dem Meitar Ensemble (Israel), dem Ensemble Musikfabrik (Köln/Deutschland), dem Ensemble Erma (Köln/Deutschland) und dem Jack Quartett (New York/USA), dem Theater Orchester Aachen und dem Kölner Gitarrenquartett aufgeführt. Seine Werke wurden auf Festivals wie Acht Brücken (Köln, Deutschland), Wittener neue Kammermusik Tage (Witten, Deutschland), CEME (Tel-Aviv, Israel), Tzlil Meudcan (Tel-Aviv, Israel) und Contcomp (Haifa, Israel) gespielt. Er nahm an Kompositionsworkshops mit Komponisten wie Helmut Lachenmann, Mauro Lanze, Carola Bauckholt und Philippe Leroux teil.

Richard Aczel

Richard Aczel ist Schriftsteller, Regisseur und Dozent für Englische Literatur an der Universität zu Köln. 2003 gründete er die englischsprachige Theatergruppe „Port in Air“, deren Produktionen bereits mehrmals für den Kölner Theaterpreis nominiert wurden und auch auf internationaler Ebene Auszeichnungen erhielten.

Cylvester

Die Digitalisten Tobias Hartmann und Max Schweder setzen als CYLVESTER gemeinsam interaktive Digitalkunst-Projekte im eigenen Namen oder für andere Künstler*innen und Institutionen um. Der Übergang von der realen zur virtuellen Welt ist für die Beiden der Ereignishorizont, den sie mit Klängen, Lichtern, Farben und Formen bearbeiten; immer so, dass es für das Publikum nicht nur immersiv, sondern auch veränderbar und zugänglich ist. Widersprüchlichkeiten und Hürden werden für CYLVESTER zur Inspiration für innovative Ideen und am Ende bleibt nur die Kunst übrig.

Künstliche Intelligenz als Bindeglied

In den vergangenen Jahren ist die Realisation traditioneller Konzertformate nicht einfach gewesen. Für eID wurden die Umstände zur Chance und unsere ohnehin ständig stattfindende Suche nach neuen Konzert- und Aufführungsformaten rückte in den Fokus einer breiten Öffentlichkeit. Wir suchten nach einem diskursiven Bindeglied plattformübergreifender Online-Konzerte.

Neue Präsentationsformen in Online-Formaten

Wir wollten eine neue und bisher nicht dagewesene Verbindung zwischen Zeitgenössischer Musik und Zuschauer*innen im digitalen Raum schaffen. Diese Verbindung sollte gleichzeitig die Einladung an das Publikum sein, selbst aktiv zu werden. So soll die Einbahnstraße digitaler Kommunikation und Vermittlung aufgelöst werden. Doch wie schafft man so eine Verbindung und wie bewahrt man ein Online-Projekt davor, in der Bedeutungslosigkeit zu verschwinden?

“Künstliche Intelligenz ist die neue Elektrizität.”

Andrew Ng, Mitbegründer von Google Brain

Kreative Verbindungen von eID und KI

Der KI-Synthesizer macht es möglich, den Content von eID kreativ mit und durch diverse KI-Module zu verbinden. Das Material kann so z.B. durch Motion-Tracking gesteuert und generative KI-Outputs erforscht werden.

Die generativen Outputs entstammen neuronalen Netzen, die mit dem eID-Content der letzten Jahre trainiert wurden.

KI-Agency Birds on Mars und Webentwickler Quandelstaudt

Mit den Birds on Mars haben wir starke Partner gefunden, die unsere Vision eines Content übergreifenden KI-Konzepts realisieren konnten. Quandelstaudt hat den Code auf unsere Website gebracht und so neben der Gestaltung auch die Programmierung im Frontend übernommen.

Künstliche Intelligenz wird unsere Vorstellungskraft erweitern, aber sie wird auch unsere Definition von Kreativität in Frage stellen.

Grayson Perry, britischer Künstler

Framework und Open Source

Bei der Entwicklung des KI-Synthesizers wurde Wert auf ein offenes Framework gelegt, das sich problemlos mit neuen Modulen erweitern lässt. Geplant ist mittelfristig, dass der Synthesizer als Open-Source-Projekt zur Verfügung gestellt wird, in der Hoffnung, dass wir auch weiterhin starke Partner*innen finden, mit denen wir die Idee weiter vorwärts bringen können.

Durch die Möglichkeit, stets neue Module einzubauen, sind die künstlerischen Möglichkeiten beinahe grenzenlos.

„Künstliche Intelligenz ist eine der großen kulturellen Herausforderungen unserer Zeit und es ist wichtig, dass wir uns bewusst mit ihr auseinandersetzen.“

Jaron Lanier, Virtual-Reality-Pionier.

Förderer

Man and woman shown working with IBM type 704 electronic data processing machine used for making computations for aeronautical research.

A bicycle built only for you

“A bicycle built only for you” heißt das elektronische Stück, das Duoni Liu für die Mozilla-Hubs-Installation von mir (Felix Knoblauch) komponiert hat. Der Name hat seinen Ursprung bei der Vocoder-Technik der 60er Jahre und bezieht sich auf das erste Musikstück, das mit dieser Technik der Sprachsynthese komponiert wurde: “Daisy Bell (Bicycle Built for Two)”. Carol Lochbaum, John Kelly und Max Mathews programmierten dieses Stück 1961 auf dem raumfüllenden Computer IBM704.

Retro-Computermusik

Duonis Stück liebäugelt mit Retro-Computer-Musik und stellt gleichzeitig einen Streifzug durch diese Geschichte dar. Computer wurden und werden immer leistungsfähiger und dem Menschen immer ähnlicher gemacht. Sie werden programmiert, zu verstehen, zu sprechen, zu sehen und zu analysieren – sie sollen den Menschen auf Wahrnehmungsebenen unterstützen, die er selbst nicht erreichen kann oder für den seine Sinne zu schwach ausgeprägt sind.

Menschliche Computer

Gleichzeitig haben Computer die Tendenz, durch bestimmte Interfaces und Schnittstellen immer menschlicher gemacht zu werden. Sie verstehen unsere Sprache oder sprechen sie sogar selbst. Sie sind fähig, Fehler zu machen und aus diesen zu lernen, sich so auf bestimmten Gebieten selbst zu verbessern.

Technologische Singularität

Die sogenannte technologische Singularität ist zwar in der Maschinenwelt noch nicht erreicht. In der Musikwelt aber gibt es längst künstliche Intelligenzen, die Akkordfolgen schreiben und diese in unterschiedlichsten Stilrichtungen auskomponieren können. Klänge können künstlich erzeugt und so lange optimiert werden, dass sie nicht mehr von einem echten (z.B. mit einem Instrument erzeugten) Klang unterschieden werden können. Für letzteres wird nichtmal eine KI benötigt, hier genügen sehr einfache Simulationen.

Künstliche Intelligenz

Der Rundgang durch den Hubs-Raum folgt rudimentär dieser Geschichte der elektronischen Musik und deutet eine Entwicklung an, die immer mehr in Richtung von künstlicher Intelligenz und künstlichem Bewusstsein strebt. Hier taucht eine KI auf, die selbst künstlerisch aktiv ist und zusammen mit Menschen Songs schreibt.

HAL 9000

Eines der größten Bedenken auf dem Gebiet der künstlichen Intelligenz und ein Meilenstein der Filmgeschichte: HAL9000 hat fast die gesamte Expeditionsmannschaft der Discovery getötet. Nun liegt er selbst im Sterben und erinnert sich singend an seine Herkunft. Sterbend singt er zum letzten Mal „Daisy Bell (Bicycle Built for Two)“. Diese ersten Worte des Vorgängers IBM704 (und die ersten Worte eines Computers überhaupt) werden die letzten von HAL sein: einer Maschine, die Angst vor dem Tod hat und Trost in der Musik findet.

Duoni Liu

Duoni Liu ist eine in Köln und Bielefeld lebende Komponistin, Medienkünstlerin und Instrumentalistin aus Shanghai, China. Sie beschäftigt sich mit der faszinierenden Verwischung der Grenzen zwischen dem eigentlichen Inhalt der Musik und dem, was der Hörer wahrnimmt – Realität vs. Wahrnehmung.

Felix Knoblauch

Felix Knoblauch lebt und arbeitet als Pianist und Gründer des Ensembles electronic ID in Köln. Als künstlerischer Leiter des Ensembles entwickelt er neue innovative Projekte. Sein Interesse liegt besonders in der Auseinandersetzung mit technologischen Diskursen der Moderne und disziplinübergreifenden Diskursen unserer Gegenwart.

Duoni und Felix haben sich zusammengetan und erforschen gemeinsam die Möglichkeiten einer virtuellen Musikausstellung.